Wenn aus Tosai Nisai werden
Haaki mit Bachmann, Folge 33. Zurück aus Japan, hinein in die eigene Anlage: Haaki fragt nach der Saison, nach Jumbo Tosai, Filtern, Futter und dem Licht im Norden.
Unser Koi-Haus in Mecklenburg, September 2022.
Am selben Tag wie Folge 32, am 30. August 2026, blieben Haaki und ich im Koi-Haus sitzen. Nach Japan ging es diesmal um unsere eigene Anlage. Die Saison neigt sich dem Ende zu, die Fische haben bald Geburtstag, und aus den Tosai werden Nisai. Wie zufrieden bin ich mit der Aufzucht in diesem Jahr? Diese Frage stand am Anfang, und aus ihr wurde ein langer Rundgang durch alles, was eine Saison ausmacht.
Mehr Technik, mehr Fische
Wir haben in diesem Jahr mehr Technik eingebaut und zugleich mehr Fische gehalten, und beides gleicht sich ziemlich genau aus. Mit demselben Besatz wie früher und der neuen Technik wäre das Ergebnis vermutlich noch eindrucksvoller geworden. Aber ein Koi-Betrieb muss auch in den Markt passen. Am Ende geht es immer um die Balance zwischen dem, was in einem Fisch steckt, und dem, wofür ein Liebhaber ihn kaufen kann.
Wie groß wird ein Jumbo Tosai?
Bei den Jumbo Tosai sieht man schnell, wie eine Saison gelaufen ist. Kriege ich sie auf fünfzig, auf fünfundfünfzig oder darüber? Mit weniger Fischen pro Becken hätten wir sie noch größer machen können. Die Messlatte setzt Shigeru in Japan: Er bringt Mitte Mai Fische mit 51, 52, 53 Zentimetern in die Mudponds. Bei ihm schwimmen aber auch nur fünfundzwanzig Jumbo Tosai in sechzig Kubikmetern. Bei uns sind es dreihundert.
Wichtig ist auch, dass ein Jumbo Tosai wirklich einer ist. Wer einen angeblichen Jumbo Tosai kauft, der in Wahrheit ein zurückgehaltener Nisai ist, erlebt oft ein rasantes Wachstum und fühlt sich bestätigt. In Wirklichkeit holt der Fisch nur auf, was ihm vorher gefehlt hat. Fachleute nennen das kompensatorisches Wachstum.
Ganz nah an Shigerus Messlatte waren wir im ersten Jahr nach unserem Umzug hierher, und vor zwei Jahren mit einem besonders starken Sanke-Jahrgang, als wir im Januar Sanke-Nisai mit siebzig Zentimetern hatten. Jetzt, wo die Tage kürzer werden und das Wasser langsam kühler, beginnt die Wachstumskurve erst richtig. Zwei Tage vor unserem Gespräch hatte ich die Hackschnitzelheizung wieder angeworfen, für eine letzte Wärmewelle, bevor es in den Oktober geht.
„Was du jetzt nicht reinkriegst in den Fisch, kriegst du nicht auf die Rippe drauf.“
Warum ein Jumbo Tosai im Oktober Nisai heißt
Viele verstehen nicht, warum wir einen Fisch bis Ende September Jumbo Tosai nennen und ab Oktober Nisai. So wird es in Japan gemacht. Ende September ist er ein großartiger Jumbo Tosai von 55 Zentimetern, eine Woche später ein Nisai mit 55 Zentimetern, und plötzlich wirkt er klein. Dabei ist er nur über eine Datumsgrenze gehüpft.
Streng genommen gilt im Japanischen jeder Fisch des neuen Jahrgangs als Tosai, und sobald im Juni die nächsten Tosai schlüpfen, wäre der alte eigentlich schon Nisai. Gehandelt wurde er in dieser Zeit aber nie. Den Sommer über steht er im Mudpond, und im warmen Sommer verschickt kaum jemand Koi nach Europa. Erst mit der Ernte im Herbst trifft sich die Koi-Welt wieder in Niigata, und erst dann heißt er im Handel Nisai. So hat es sich bei den Züchtern in Niigata und im internationalen Handel eingebürgert. Wer Japanisch spricht, aber außerhalb dieser Koi-Welt steht, stolpert darüber leicht. Ähnlich zählt man übrigens in der deutschen Karpfenteichwirtschaft nach Sommern: Ein K2 ist ein zweisömmriger Karpfen.
Shinoda, Kano und das Rätsel der Goshiki
Bei Shinoda muss ich mich bedanken, wenn ich wieder in Japan bin. Er hat uns wirklich schöne Tosai geschickt. Nur kann man nie hundertprozentig sagen, ob es an der Auswahl liegt oder an der Aufzucht. Als Kano uns die ersten Goshiki schickte, wuchsen sie genauso wie unsere Dainichi-Fische. Als Nisai hatten wir Goshiki mit 56 und 58 Zentimetern, so etwas hatte ich selbst in Japan noch nie gesehen.
Im nächsten Jahr habe ich das nicht wieder hinbekommen, im Jahr darauf auch nicht. Die heutigen liegen bei 44, 45 Zentimetern, für Goshiki immer noch ordentlich. Woran es hing, kann ich nicht sagen. Es gibt so viele Stellschrauben: Sauerstoff, Umwälzung, Keimdruck, Parasiten, das Futter, die Auswahl. Für ein eigenes Labor, das jede Futtercharge zerlegt, sind wir zu klein. Bram in Zeeland, der täglich tonnenweise füttert, lässt jede Lieferung untersuchen, bevor sie ins Silo geblasen wird. Er weiß genau, was er füttert. Wir müssen ein Stück weit raten.
Kaum ins Gewicht fällt dagegen, wie lange die Fische nach der Auswahl in Japan auf ihren Flug warten. Im letzten Winter war eine Sendung schon fast im Lastwagen, dann kam eine Schneesturmwarnung, die Autobahn wurde gesperrt, und die Fische mussten eine Woche länger warten. Das ist unschön, lässt sich aber mit hohen Temperaturen und gezieltem Füttern ausgleichen.
Die Großen in Becken 15
In unserem Becken mit den großen Fischen ist inzwischen viel Platz. Nachgesetzt habe ich nichts, nur verkauft, und die Tiere wachsen eben gut. Jetzt kommt eine neue Generation in die Größe. Der große Shiro gehört noch zur alten Garde, er hat noch Pfungstadt gesehen. Der Showa, der gerade vorbeischwimmt, kam als einer der ersten Jumbo Tosai mit hierher. Die Goshiki gehen auf achtzig Zentimeter zu, viel größer werden sie nicht, haben aber durch die Jumbo-Tosai-Aufzucht eine erstaunliche Breite und Wucht. Einige unserer Fische haben bei Kunden über einen Meter erreicht.

Mich hat immer gestört, dass Abholer meist nur durch die Eingangstür schauen und dort die kleinen Fische sehen. Kaum einer traut sich nach hinten zu den Großen. Deshalb soll in diesem Winter ein zweites Becken mit großen Tieren dazukommen, vorne, wo jeder sie sieht.
Im Winter fahren wir das Becken der Großen etwas kühler als die Tosai-Becken. Würden große Fische den ganzen Winter bei 24 Grad schwimmen, würde man ihr Potenzial kaputtmachen. Herz und Stoffwechsel müssen auch einmal zur Ruhe kommen.
Direkt an die Haustür
Im Frühjahr fährt für uns eine eigene Spedition. Sie lädt die Fische hier ein und fährt sie direkt zu den Kunden, ohne Umschlag an einem Verteilzentrum, ohne Umladen in den Sattelzug und wieder in den Kleintransporter. Für lebende Fische ist das viel schonender. Und je mehr Sansai wir neben Nisai und Jumbo Tosai anbieten, desto voller und häufiger können diese Fahrten werden.
Japanmatten quer
Mitten in die Frage nach der Filterpflege fuhren die Futterautomaten los, und das ist im großen Becken jedes Mal ein Spektakel. Die Einschläge gehen bis an die Kante des Filters, aber nicht weiter. Gerade jetzt stellen wir die Automaten höher und höher: Die Fische merken, dass die Tage kürzer werden, und jetzt bauen sie Volumen für den Winter auf.

Bei den Filtern bin ich zu meiner alten Überzeugung zurückgekehrt. Als wir nach Mecklenburg kamen, standen die Japanmatten zwischen Plexiglasplatten längs in der Strömung. Das war nichts. Die Matte muss auf dem Boden stehen, über die Wasseroberfläche hinausragen, und das Wasser muss sich vollständig hindurchdrücken. So hatte ich es in Pfungstadt gemacht, und so habe ich viele Becken wieder umgebaut. Die erste Matte hält den gröbsten Schmutz zurück. Sinkt hinten in der letzten Kammer der Wasserstand, wissen wir, dass vorne die ersten Matten gereinigt werden müssen. Dazu kommt der Nitratentzug: Wo im Filter kein Nitrat mehr ankommt, können sich in sauerstoffarmen Ecken auch keine unerwünschten Keime aufbauen. Das hat sich bewährt.
Die J-Kurve
Bei so vielen Fischen nimmt uns die künstliche Intelligenz inzwischen viel Arbeit ab. Aber auch sie muss erst gefüttert werden. In einer Wirtschaftssendung habe ich dafür das Bild der J-Kurve gefunden: Wer eine neue Technik einführt, rutscht erst einmal nach unten, weil die Einarbeitung Zeit kostet, und erst wenn alles läuft, geht die Kurve nach oben. Auf dem Weg dahin geht noch manches schief, und bei jedem Mal lernt man dazu.
Neues Futter und das Licht im Norden
Zum Schluss fragte Haaki nach dem Futter. Mit zwei, drei Herstellern, die für etwas Neues in Frage kommen, bin ich im Gespräch, bisher nur am Bildschirm. Sie sitzen am anderen Ende Deutschlands, und ich möchte sie persönlich kennenlernen. Getestet habe ich die Richtung schon hier, im Kleinen, mit Mischer, Ölen und einer Lackierpistole für die Beschichtung. Unser Gesundheitsfutter haben wir in diesem Jahr vielen Kunden mitgeschickt, und es wurde fast zu gut angenommen: Am Ende stand ich mit einer aufgebohrten Lackierpistole da, um hinterherzukommen. Für so viele Kunden braucht es einen Hersteller, und dessen Futter werden wir hier gegentesten.
Dabei geht es weniger um Wachstum als um Gesundheit und Farbe. Ich glaube, dass wir hier im Norden etwas Besonderes ausgleichen müssen. Zur Wintersonnenwende ist unser Tag rund vierzig Minuten kürzer als in Frankfurt am Main, und das merkt man nach meiner Erfahrung an den Tosai. Das zusätzliche Licht im Sommer hilft dafür nicht. Deshalb füttere ich im Winter unterstützend verschiedene Algen, bis im Frühjahr das UV-Licht zurückkommt. Das ist das besondere Spiel einer Anlage auf diesem Breitengrad.
Mehr mit Haaki
Im ersten Gespräch dieses Tages ging es um Japan und den Koi-Markt. Und wer Haaki eigentlich ist, hat er mir später selbst erzählt.