Als Koi noch mit der Bahn reisten

Harald Bachmann kennt die Torazo Koi Farm seit drei Generationen – und ihre Geschichten seit Jahren. Im September 2026 fuhr er mit Professor Harry Palm von der Universität Rostock zu Tsuyoshi Kawakami, damit Harry sie aus erster Hand hört: wie der Koi-Handel aussah, bevor es Sauerstoff und Plastikbeutel gab. Und weil es bei Torazo ein altes Buch gibt, das er unbedingt sehen sollte.

Drei Generationen

Torazo züchtet seit 1917 in Urakawa. Die ersten Geschäfte machte Harald Bachmann noch mit Tsuyoshis Vater. Tsuyoshi selbst, erzählt er, „ist da so im Hintergrund rumgeturnt“. Irgendwann übernahm der Sohn die Farm. Bachmann suchte damals einen neuen Agenten für seine Frachtabfertigung – und wuchs darüber mit Tsuyoshi mehr und mehr zusammen.

Tsuyoshis Vater, mit dem Harald Bachmann die ersten Geschäfte machte.
Tsuyoshi Kawakami mit einem Gesamtsieger-Pokal der Präfekturschau Niigata.

Die erste Wahl vom LKW

Um 2005 half Bachmann zum ersten Mal, die Teiche von Torazo abzuernten. Torazo gehört zu den ersten in Niigata: Damals begann die Ernte am 4. oder 5. Oktober und war um den 15. Oktober abgeschlossen – Nisai, Sansai, Yonsai und ältere Tiere, alles wurde hereingeholt.

Wer dabei war, saß mit auf dem LKW. Und wer auf dem LKW saß, sah die Fische zuerst – noch bevor sie in die Betonbecken kamen, an denen die Händler aus aller Welt schon warteten.

„Da war es dann mein Privileg zu sagen: die und die und die Fische hätte ich gerne für meinen eigenen Laden. Als Erster meine Auswahl treffen zu können, vor jedem anderen weltweit.“

Heute wird die Reihenfolge beim Aussuchen auf vielen Farmen verlost oder ausgespielt, jeder Händler darf einen Fisch, dann ist der Nächste dran. Für ein, zwei Fische vergeht so ein ganzer Tag. „Es gibt Händler, die das mitmachen“, sagt Bachmann. „Das ist für mich überhaupt nichts.“

Tsuyoshi Kawakami beim Abernten: Kohaku im Schleppnetz.
Ernte bei Torazo, 2011: Die Tiere kommen in der Wanne aus dem abgelassenen Mudpond.

Ein Hotel für Koi – und für Händler

Heute gehen fast neun von zehn Nishikigoi ins Ausland. Als Tsuyoshi ein Kind war, blieben alle im Land.

„Als ich ein Kind war, sechs oder zehn Jahre alt, ging alles nach Japan selbst.“

Die Kunden waren Händler aus Shikoku, Kyushu und Hiroshima. Sie fuhren jeden Morgen in die Dörfer der Gegend, kauften Fische und setzten sie in die Außenbecken der Familie Kawakami. Bis zu fünfundzwanzig Händler wohnten zugleich im Haus. Tsuyoshis Mutter und ein paar Helfer kochten Frühstück und Abendessen – Misosuppe, Reis, etwas Fisch. Nach dem Essen wurde Karten gespielt, um viel Geld.

„Wie ein Hotel, ein Koi-Hotel. … Verrückt, wirklich verrückt.“

Drei Tage im Holzkasten

Plastikbeutel und Sauerstoff gab es nicht. Die Fische reisten in Holzkästen mit Wasser, mit der Bahn – bis Kyushu drei Tage. Wer mitfuhr, schüttelte unterwegs das Wasser, damit Luft hineinkam. Viele Tiere überlebten die Fahrt nicht. Die übrigen waren zäh: kleiner, schlanker und kräftiger als die Koi von heute.

„Kein Sauerstoff – und trotzdem lebten sie zwei, drei Tage in einer kleinen Holzkiste.“

Die ersten aus Europa

Erst später kamen Käufer aus dem Ausland. Einer der ersten europäischen Koi-Händler war Peter Waddington. Er und Harald Bachmann hatten denselben Agenten: Herrn Takahashi aus Chiba, einen der bekanntesten Händler seiner Zeit. Über ihn kamen viele Kunden zu Torazo – auch Bachmann, bei seinem ersten Besuch.

Warum ausgerechnet hier

Professor Palm wollte wissen, wo das alles herkommt. Die Antwort führt in den Winter. In den Bergen von Niigata liegt mehr Schnee als fast überall in Japan. Karpfen waren ein Eiweißvorrat für die langen Monate, gehalten in Holzkästen in Quellwasser, oft direkt unter dem Haus. Fiel ein Tier auf – mit roten Flossen, roten Wangen, irgendwie anders als die anderen –, behielt man es und vermehrte es im nächsten Jahr weiter. Aus diesen Auffälligkeiten wurde über Generationen eine Zucht.

„Wegen des vielen Schnees.“

Auch ein deutsches Kapitel gehört dazu: 1910 ließ der Hafenvorstand von Tokio die ersten deutschen Spiegelkarpfen einführen. Daher heißen schuppenlose Koi bis heute Doitsu. Sie wuchsen deutlich schneller als die japanischen Karpfen.

Das Buch des Großvaters

Dann holte Tsuyoshi ein Buch hervor. Es ist über hundert Jahre alt und stammt von seinem Großvater. Fotografieren konnte damals niemand. Wer einen Fisch festhalten wollte, zeichnete ihn – Schuppe für Schuppe, und malte ihn von Hand aus.

„Es gab noch keine Kamera – also blieb nur die Zeichnung als Erinnerung.“

Tsuyoshi Kawakami mit dem handgezeichneten Buch seines Großvaters.

Was auf den Seiten auffällt: Die Fische waren schlanker als heute. Zeichnungen, wie wir sie aus den Becken kennen, sind schon zu erkennen – rot-weiße, dreifarbige, fast schwarze Tiere mit einem einzigen gelben Fleck. Den nannte Tsuyoshi beim Blättern eine echte Seltenheit.

Wer macht weiter?

Dieselbe Frage stellt sich in Niigata wie in Mecklenburg. Rund hundert Züchter gibt es in der Region, Hobbybetriebe eingerechnet; echte Profibetriebe, Mitglieder der Shinkokai, sind es zwanzig bis fünfundzwanzig – und jedes Jahr ein paar weniger. Kleine Farmen können nicht investieren, und die Kunden wollen eine Marke. Bei Torazo ist die Frage beantwortet: Tsuyoshis älteste Tochter und ihr Mann arbeiten seit sieben Jahren mit.

„Wer kein Geld verdient, führt den Betrieb nicht weiter.“

Ohne zweite Farm keine Linie

Im Gespräch erklärt Harald Bachmann, warum keine Farm für sich allein bestehen kann – auch die großen nicht. Wer bei einer Varietät führt, braucht eine zweite Farm im Wettbewerb, mit der er Elterntiere tauscht, um neue Anlagen in die eigene Linie zu bringen. Entscheidend ist der Zeitpunkt: zu erkennen, wann die andere Farm einen Fisch hervorgebracht hat, der die eigene Linie weiterbringt – und ihn dann auch kaufen zu können.

„Es ist immer Versuch und Irrtum. Aber man braucht immer den Einfluss einer zweiten oder dritten Farm.“

Unterwegs mit Tsuyoshi

Mit Tsuyoshi ist Bachmann auch durch Japan gereist. In Hiroshima besuchten sie private Liebhaber, die sehr große Tiere berühmter Farmen wie Dainichi oder Sakai großgezogen hatten und sie als Elterntiere an Züchter weitergaben – um später vielleicht Zugriff auf deren Nachzucht zu haben. Mit Fischen von solchen Reisen hat Tsuyoshi in den Jahren danach gezüchtet.

Wie unkompliziert das in Japan geht, fasziniert ihn bis heute: am Flughafen eine Karte für die nächste Maschine ziehen, landen, Mietwagen, zum Züchter oder Liebhaber. Wird man sich einig, reist der Fisch abends im Frachtkarton in derselben Maschine zurück – und schwimmt noch in der Nacht auf der eigenen Farm in Quarantäne.

Unterwegs auf der Reise nach Hiroshima.
Mit der Bahn von Halt zu Halt.

Im Wagen zum nächsten Besuch.
Tsuyoshi Kawakami beim Liebhaber in Hiroshima.
Große Tiere berühmter Farmen, gehalten als Elterntiere.

Über den Tellerrand

Auf derselben Reise besuchten Harald Bachmann und Professor Palm die größte Fischanlage, die Japan derzeit an Land baut. Davon erzählt der nächste Beitrag.