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Ein Schlüssel für Masashi

Kennengelernt haben wir uns über ein Geschäft, das nie zustande kam. Geblieben ist eine Freundschaft, und vieles, was ich über Japan gelernt habe.

Masashi Hirao bei der Arbeit an einem Baum, Februar 2020.

Masashi Hirao ist Bonsai-Meister. Wer seine Arbeit einmal gesehen hat, vergisst sie nicht so schnell, und über ihn gibt es sogar einen Dokumentarfilm, „Bonsai Warrior“ aus dem Jahr 2015. Für mich ist er vor allem ein Freund aus den Jahren, in denen ich oft monatelang in Japan war und er in Deutschland zu Hause war, in meiner Wohnung.

Bäume, zu groß für jedes Schiff

Um 2012 war ich mit einem großen deutschen Gestalter japanischer Gärten in Japan. Eigentlich ging es um Koi: Wir waren bei Dainichi, um Fische für eine deutsche Ausstellung zu kaufen, die Schau der KLAN, der Koi-Liebhaber am Niederrhein. Doch er hatte noch eine zweite Frage. Konnte man in Japan Niwaki kaufen, gestaltete Gartenbäume für japanische Gärten, und sie nach Europa bringen? Und hatte ich dafür Verbindungen?

Also fuhren wir in ein Bonsai-Dorf und fragten in einem Garten, wie man solche Bäume erwirbt und wie sie reisen. Man verwies uns schnell an einen jungen Mann, der sich um den Export von Bonsai und Gartenbäumen kümmerte: Masashi. Ich kannte ihn bis dahin nicht. Er kam auf uns zu, stellte sich vor und fuhr mit uns durch verschiedene Baumschulen, vor allem in der Gegend von Saitama.

Mein Begleiter kaufte erhebliche Mengen, und am liebsten die Bäume, die fast zu groß waren, um sie überhaupt zu bewegen. Plötzlich ging es um Fragen, die sich keiner von uns vorher gestellt hatte. Wie baut man eine Holzkiste um einen Baum, die doppelt so groß ist wie zwei Schiffscontainer? Wie hält man sie kühl? Solche Kisten müssen oben auf dem Containerschiff stehen, und dann geht es über das Meer bis nach Europa. Eine Unmenge an Sonderlogistik. Für China, erzählte man uns, hatte man Ähnliches schon gemacht.

Masashi reiste deswegen zweimal nach Deutschland, um mit dem Gartenbetrieb weiterzusprechen. Die Bäume standen in Japan und warteten auf ihren Versand. Zustande kam am Ende nichts, viel vergebene Liebesmühe. Aber darüber haben Masashi und ich uns sehr gut kennengelernt.

„Manchmal haben wir uns nur zwei, drei Tage gesehen. Aber da war schon eine recht enge Freundschaft zwischen uns beiden.“

Harald Bachmann

Ein Schlüssel in Pfungstadt

Danach waren wir in Deutschland viel gemeinsam unterwegs. Bonsai-Arbeitskreise luden uns ein, befreundete Bonsai-Händler von mir ebenso, manchmal zu Tagen der offenen Tür. Einmal war ein japanischer Botschafter dabei, und so wurden Masashi und ich zu einem Abend der japanischen Botschaft eingeladen.

Ich war damals Junggeselle und verbrachte fast die Hälfte des Jahres in Japan. In dieser Zeit stand meine Wohnung in Pfungstadt leer, nicht weit vom Frankfurter Flughafen, und so bekam Masashi einen Schlüssel. Meistens war er genau dann dort, wenn ich in Japan war. Er übernachtete in der Wohnung, richtete sich ein und nutzte sie als sein Drehkreuz für Europa. Von hier aus flog er zu Workshops nach Spanien und Estland, und quer durch Deutschland fuhr ihn meistens ein Freund von mir, mit meinem Auto, zu den Arbeitskreisen und holte ihn wieder ab. Gesehen haben wir uns in diesen Jahren eher selten. Das ging ein paar Jahre lang so, sehr intensiv.

Die Nacht in Narita

Eine Geschichte erzähle ich bis heute gern. Wir brachten einen Kunden, der mit uns in Japan Koi und Bonsai eingekauft hatte, zum Flughafen Narita. Es begann zu schneien, und die Halle war voll mit Reisenden, deren Maschinen verspätet waren oder gar nicht flogen. Das totale Chaos. Wir versuchten herauszufinden, ob unser Kunde fliegen konnte oder ein Hotel brauchte, was in Flughafennähe aussichtslos gewesen wäre. Zum Glück ging seine Maschine mit drei, vier Stunden Verspätung doch noch.

Dann machten wir uns auf den Rückweg nach Saitama, wo unser Hotel war. Der Zug blieb ständig stehen, an jedem Bahnübergang musste er warten, bis die Leitstelle ihn weiterfahren ließ. Ich wollte aussteigen, irgendwo essen gehen und den nächsten Zug nehmen. Masashi aber war ganz begeistert davon, im Zug stecken zu bleiben. Jetzt, sagte er sinngemäß, schmieden wir die Geschichte, die wir unseren Enkeln erzählen können. Ich habe sehr gelacht.

tatemae建前

Tatemae und Honne

In dieser Nacht steckt etwas sehr Japanisches. Im Japanischen gibt es zwei Begriffe, die viel erklären. Tatemae ist die Seite, die man nach außen zeigt: das freundliche, harmonische Verhalten, das eine Beziehung und eine Situation verlangen. Honne ist das, was man wirklich denkt und fühlt, und das zeigt man meist nur sehr engen Vertrauten.

Gerade im Geschäftsleben gehört es dazu, Nähe bewusst entstehen zu lassen: gemeinsame Abende, ein Besuch im Onsen, eine schwierige Lage, die man zusammen durchsteht und von der man später erzählen kann. Wer neu in Japan ist, hält das leicht schon für tiefe Freundschaft. Aus der Koi-Welt kannte ich dieses Muster lange, aber an Masashi habe ich es besonders deutlich gesehen. Er war jünger als die meisten meiner japanischen Geschäftspartner, offener und weniger routiniert, und so ließ sich bei ihm ablesen, wie solche Beziehungen gebaut werden.

honne本音

Das Erstaunliche ist: Bei uns beiden wurde trotzdem mehr daraus. Einem Geschäftspartner gibt man keinen Wohnungsschlüssel. Und Masashi war es auch, der mir viel Japanisch beigebracht hat. In unseren Gesprächen, die meist auf Englisch liefen, ließ er immer wieder einfließen, wie man etwas typisch japanisch sagen würde, welche Floskel an welche Stelle gehört und was sie bedeutet. Er war sehr darauf bedacht, dass man sich nicht nur unterhält, sondern jedes Mal etwas mitnimmt.

Bonsai auf Steinen und Tischen im Freien vor einem Holzzaun
Ganz typische Gestaltungen von ihm.
Theke aus Holz mit Hockern aus Baumstämmen und Regalen voller Flaschen
Die Bonsai-Bar in Masashis Gärtnerei.

Bonsai mit Techno

Masashis Stil ist sehr eigenwillig, ein ganz eigener Weg. Ich selbst hänge eher an der traditionellen Bonsai-Gestaltung, und die beherrscht er ganz sicher auch. Was ich an ihm bewundere, ist etwas anderes: Er verbindet eine sehr alte Kunst mit der Gegenwart. Bei seinen Vorführungen gestaltet er Bäume zu Techno, Club- und House-Musik, manchmal mit Live-Musikern, die auf traditionellen japanischen Instrumenten spielen. Den Faden zur Tradition verliert er dabei nie, und das Ganze hat ein hohes künstlerisches Niveau.

So erreicht er Menschen, die mit Bonsai sonst wenig anfangen würden, gerade junge. Er zeigt, dass eine alte Kunst nicht verstaubt sein muss. Genau das wünsche ich mir auch für die Koi: dass junge, neugierige Menschen entdecken, wie spannend dieses Hobby sein kann.

„Bonsai Warrior“: Masashi Hirao bei der Arbeit (YouTube).
Bonsai-Gärtnerei mit Gewächshaus und vielen Bäumen im Freien
Masashis Gärtnerei in Saitama, Februar 2020.

Saitama, Februar 2020

Zuletzt gesehen haben wir uns im Februar 2020, kurz vor Corona, in seiner eigenen Gärtnerei in Saitama. Ein Bonsai-Händler aus Mecklenburg-Vorpommern hatte mich gefragt, ob ich ihm einen Weg zum Bonsai-Einkauf in Japan öffnen könnte, und so besuchte ich Masashi. Er war für die nächsten Monate komplett ausgebucht, denn die Olympischen Spiele in Tokio standen vor der Tür, und er sollte bei vielen Anlässen rund um die Spiele Bonsai vorführen. „Wenn die Spiele vorbei sind“, sagte er, „komm mit deinem Kunden zu mir, dann schauen wir, was wir daraus machen.“

Dann kam Corona. Die Spiele fanden ohne Zuschauer aus dem Ausland statt, die Vorführungen und Workshops wurden abgesagt. Das hat mir sehr, sehr leid getan für Masashi, der sich, glaube ich, viel davon erhofft hatte. Auch meine regelmäßigen Reisen nach Japan hörten auf, und mit ihnen riss unser Kontakt ab.

Seine Arbeit begleitet mich trotzdem. Auf der ersten Seite dieses Magazins steht sein Baum in der Schale, als Bild für das, was mich an Japan von Anfang an gefesselt hat: ein Volk, das Bäume in Schalen zieht und denselben Maßstab an Fische anlegt.

Zu Besuch bei Masashi

Wer nach Japan reist und Masashis Arbeit mit eigenen Augen sehen möchte: Sein Bonsai-Garten Seishōen liegt in Saitama, nicht weit von Tokio. Besuche sind nur nach vorheriger Vereinbarung möglich.

Wie alles anfing

Warum mich Bonsai und Koi gleichermaßen faszinieren, erzähle ich am Anfang unseres Magazins.

Bonsai in ungewöhnlichen Gefäßen in einem Gewächshaus
Eigenwillig und unverwechselbar: eine Gestaltung von Masashi.