Ein Markt im Umbruch
Haaki mit Bachmann, Folge 32. Ende August, kurz vor meiner Japanreise, hat Haaki mich gefragt, was mich dort erwartet. Daraus wurde ein Gespräch über China, über Japans Auktionen, über Shigerus Kawari-Linien und über einen Cola-Automaten, der um die Dose spielt.
Haaki, begeisterter Angler, mit einem Barrakuda.
Haaki ist ein guter Freund, ein Freund der Koi und ein begnadeter Angler, und er interessiert sich für alles, was bei uns passiert. Wenn wir uns im Koi-Haus vor die Kamera setzen, fragt er, ich antworte, und hinter uns ziehen die großen Fische ihre Runden. Diesmal, am 30. August 2026, ging es um Japan, wohin ich drei Wochen später reisen sollte, und um die Frage, wohin sich der Koi-Markt bewegt.
China holt auf
Mein wichtigstes Ziel für die Reise war, die neuen Tosai und Jumbo Tosai selbst zu sortieren. Vorher hatte ich telefoniert, um zu hören, wie die Lage mit den chinesischen Einkäufern aussieht, und das klang entspannter als in den Jahren zuvor. Ich glaube, dass die chinesischen Nachzuchten, die jetzt auf ihren Inlandsmarkt drängen, den Import japanischer Koi dort ein Stück weit verdrängen. Auf den asiatischen Ausstellungen sieht man inzwischen chinesische Spitzenfische, die wirklich bemerkenswert sind. Sie sind nicht nur dicht dran, sie sind Weltklasse.
China geht dabei denselben Weg wie beim Automobil: junge Leute lernen im Ausland dort, wo es am besten gemacht wird, kommen zurück und bauen es zu Hause auf, mit viel staatlicher Unterstützung. Spüren werden das nach meiner Einschätzung vor allem die japanischen Züchter der Mittelklasse. Bei den ganz großen Namen wie Dainichi, Sakai oder Momotaro zählt das Etikett „Made in Japan“ bei chinesischen Spitzenkunden wohl noch eine ganze Weile.
Was dem deutschen Markt verloren geht
Der deutsche Markt dagegen geht seit Jahren langsam, aber stetig zurück. Das Wissen, mit dem er in den Neunzigern und Anfang der Zweitausender begann, ist nicht mehr in derselben Breite da. Viele, die damals richtig gut waren, sind in die Jahre gekommen, manche sind gar nicht mehr dabei.
In der Bonsai-Szene habe ich etwas Ähnliches erlebt. In den Neunzigern war das Bonsai-Zentrum Heidelberg von Paul Lesniewicz die Spitze der europäischen Bonsai-Kunst, mit Workshops, zu denen ein Meister aus Kalifornien anreiste. Dort fühlte sich der Mann mit dem schönen Oldtimer genauso wohl wie der Rentner mit kleinem Einkommen, junge Leute standen neben alten, Erfolgreiche neben Enthusiasten. Diese Vielfalt geht ein Stück weit verloren.
Haaki sieht einen wichtigen Grund dafür im Wandel durch die sozialen Medien. Früher musste man sich treffen, um sich auszutauschen, man las Bücher und fuhr zu Veranstaltungen. Heute geht vieles vom Sofa aus, ohne die Menschen je zu sehen, und dabei geht etwas Persönliches verloren. Dazu kommt, dass die Koi-Ausstellungen nach Corona in Deutschland nicht richtig wieder angelaufen sind.
„Da hast du junge Leute neben alten Leuten gehabt und erfolgreiche Leute zwischen Enthusiasten. Diese Vielfalt geht uns ein bisschen verloren.“
Lose ziehen am Teich
Haaki wollte wissen, ob es in Japan noch die Auktionen gibt, wie man sie aus unseren Videos kennt. Ja, es gibt sie, vor allem bei den großen Züchtern wie Dainichi, Sakai oder Momotaro, die bei einer Auktion zwei-, dreihundert gute Tiere verkaufen müssen.
In der zweiten Reihe, bei durchaus namhaften Züchtern, läuft es oft anders. Ein Teich wird abgeerntet, dann werden Lose gezogen: Der Erste darf sich einen Nisai aussuchen, der Zweite den nächsten, der Dritte darf mit dem Ersten tauschen, und so weiter. Den Preis nennt der Züchter erst hinterher. Man steht also einen halben Tag an, hat vielleicht Glück mit dem Los, sucht seinen Favoriten aus und hört dann eine Zahl, bei der man dankend ablehnt. Für mich wäre das heute nichts mehr.
Früher hatte ich einen anderen Weg. Ich habe bei verschiedenen Züchtern bei der Ernte mitgeholfen, bin um fünf Uhr morgens aufgestanden, habe den Lastwagen mit beladen und im Morgengrauen mit im Teich gestanden. Um neun kamen wir zurück, die Käufer warteten schon, und dann sagte der Züchter: Harald, du hast mir heute Morgen drei, vier Stunden geholfen, such du dir zuerst einen aus. Das ist handfeste Arbeit, und man kommt mit dem Züchter wirklich ins Gespräch. Das gefällt mir bis heute.

Der Cola-Automat, der zockt
Wie verspielt Japan sein kann, zeigt ein Getränkeautomat auf dem Weg zu einer Teichanlage in Kitayama. Überall sonst kostet die Dose Cola 110 Yen, an diesem 150. Dafür steckt ein Spielwerk darin: Man drückt, und der Automat spielt mit einem darum, ob man zwei Dosen bekommt oder ob er das Geld behält. Ich habe mich kaputtgelacht, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Und mit Glück geht man dann mit zwei Dosen zur Versteigerung.
Im Sommer leuchten diese Automaten die ganze Nacht, und das Licht lockt Mücken an. Wer frühmorgens an einen Automaten tritt, sieht deshalb oft kleine grüne Laubfrösche auf der Scheibe sitzen, hinter ihnen die Getränkedosen. Sie haben sich in der Nacht die Mücken geschnappt, die zum Licht geflogen sind.

Shigerus Kawari-Linien
Bei Dainichi interessierten mich vor allem Shigerus Kawarimono-Linien, die in Europa sehr gefragt sind. Dabei hält sich hartnäckig ein Märchen: dass ein Koi über einen Meter zehn nur einfarbig zu schaffen sei, als Karashi. Nach meiner Erfahrung wachsen Kohaku, Sanke und Showa bei uns mindestens genauso gut, vielleicht sogar besser als die Kawari.
Die Elterntiere der Botan-Linie waren ursprünglich Weibchen von Sakai, dazu kamen Männchen von Maruhiro. Maruhiro ist der jüngere Bruder von Yoshiyuki, ihr Vater Setaro Hirasawa von der Marusei Koi Farm, von dem viele alte Linien stammen: Ogon, Cream Ogon, Kigoi, Matsuba-Varianten und vieles dazwischen. Maruhiro hat sich eine schöne mittelgroße Farm aufgebaut, und seine Fische sehe ich auf einem besonders hohen Niveau. Berühmt ist sein Lemon Showa: gezeichnet wie ein Showa, aber ein Kawarimono, ein Kawari Showa. Er leuchtet nicht in Rot, Schwarz und Weiß, sondern alles an ihm ist erdfarben, ein graues, rötliches Braun statt des Rots, ein dunkles Anthrazit statt des Schwarz.
An den Fischen der letzten beiden Jahre sieht man mit etwas Blick fürs Detail, welche Linie dahintersteckt. Manche tragen ein umgekehrtes Fukurin: nicht mehr eine dunkle Tasche um eine helle Schuppe, sondern eine helle Tasche um eine dunkle Schuppe. Ich würde das Gyakume nennen, wie beim umgekehrten Asagi. Und bei diesen Tieren laufen die großen Schuppen über den ganzen Rücken bis zur Schädelplatte, wo sonst eine ledrige Kante mit kleinen Schuppen sitzt. Das sieht großartig aus. Shigeru hatte die Typen am Whiteboard schon als Typ A, B und C unterschieden.
Genau darüber habe ich in Japan dann mit ihm selbst gesprochen, an der Schüssel beim Sortieren.
Mit Harry Palm nach Japan
Der zweite Grund für die Reise war Professor Harry Palm von der Universität Rostock, mit dem ich inzwischen gut befreundet bin. Die Idee kam von ihm: Er legte seinen Aufenthalt an der Universität in Tokio so, dass ich zur selben Zeit in Japan war und ihm danach die japanische Koi-Aquakultur zeigen konnte, die Berge, die Züchter und einen Abstecher ins Bonsai-Dorf, wo ich noch alte Bekannte habe.
Für die Universität Rostock ist das mehr als ein Ausflug. Sie richtet ihre Lehre ein Stück weit danach aus, welche Aquakultur es in Mecklenburg-Vorpommern gibt und wo ihre Studenten nach dem Studium Fuß fassen können, und dazu gehören auch wir. Harry interessiert sich besonders dafür, wie der Koi überhaupt entstanden ist und wie sich der Karpfen über die Welt verbreitet hat. Über Bram konnte ich außerdem einen Besuch in der größten Forellenanlage einfädeln, die Japan derzeit an Land baut.
Vielleicht, so dachte ich, interessiert ihn auch die Galerie von Takashi Amano in Niigata, dem großen Wegbereiter des Naturaquariums. Dorthin hatte mich früher mein Freund Harry Soßna gebracht, der die Marke ADA in Deutschland vertrat und das Aquascaping hier mit auf den Weg brachte. Zweimal waren wir in der Galerie, und nach Takashi Amanos Tod schrieb Harry seiner Tochter Sayuri, ob wir sie noch einmal besuchen dürften. Wir durften kommen, und danach ging Sayuri noch mit uns essen.



Was aus der Reise mit Harry Palm geworden ist, steht inzwischen in unserem Magazin.
Zwei Käuferwelten
Zum Schluss fragte Haaki, ob sich die großen Farmen deutlich von den vielen kleinen abheben. Das tun sie, und das war schon früher so. Den normalen Koi-Markt beliefert eine ganze Reihe solider Züchter, angefahren von Reisegruppen und Großhändlern. Die andere Welt sind Dainichi, Sakai, Omosako und Momotaro, wo die großen Auktionen stattfinden, und dazu Ryuki Narita, bei dem viele Fische für die großen Ausstellungen aufgebaut werden. Dort treffen sich ganz andere Gesichter, Käufer mit sehr viel mehr Geld, die man auch aus den sozialen Medien kennt. Zwei Welten, die bis heute nebeneinander bestehen.
Nächste Folge
In Folge 33 sitzen Haaki und ich nach der Reise wieder zusammen: eine Bilanz der Saison in unserer Anlage, von der Besatzdichte bis zum neuen Futter.