継承keishō

Als Koi noch mit der Bahn reisten

Die Torazo Koi Farm kenne ich seit drei Generationen. Im September 2026 bin ich mit Professor Harry Palm dorthin gefahren, damit er ihre Geschichten aus erster Hand hört.

Tsuyoshi und ich bei der Ernte, Oktober 2013.

Harry forscht an der Universität Rostock zur Aquakultur, und ihn interessierte, wie der Koi-Handel aussah, bevor es Sauerstoff und Plastikbeutel gab. Außerdem gibt es bei Tsuyoshi Kawakami ein altes Buch, das er unbedingt sehen sollte.

Harry Palm vorne, im Hintergrund Harald Bachmann auf einem Steg am Teich
Harry Palm auf unserer Reise, im Hintergrund füttere ich die Koi an. Japan, September 2026.
Tsuyoshi Kawakami im Gespräch mit Prof. Harry Palm, September 2026. Mit Tsuyoshi sprechen wir Englisch, mit deutschen Untertiteln.

Drei Generationen

Benannt ist die Farm nach Tsuyoshis Urgroßvater Torazo, der selbst noch keine Koi züchtete. Mit der Zucht begann um 1917 sein Großvater, Torakichi Kawakami. Er setzte die Larven in die Reisfelder aus und brachte als einer der Ersten Sanke mit kräftig roter Zeichnung hervor. Das Rot gewann er, wie Kobayashi bei seinen Showa, durch das Einkreuzen eines Tomoin Kohaku.

Meine ersten Geschäfte habe ich noch mit Tsuyoshis Vater gemacht, Tsuyoshi selbst ist damals eher im Hintergrund herumgeturnt. Irgendwann übernahm er die Farm. Ich suchte zu der Zeit einen neuen Agenten für meine Frachtabfertigung, und darüber sind wir mehr und mehr zusammengewachsen.

Altes Gruppenfoto der Koi-Züchter aus Urakawa, mit zwei Fahnen
Koi-Züchter aus Urakawa auf einem alten Gruppenfoto. Vordere Reihe, ganz links: Tsuyoshis Urgroßvater. Hintere Reihe, ganz rechts: der Züchter Kobayashi (Kobayashi Showa).
Tsuyoshis Vater
Tsuyoshi Kawakami mit Pokal
Links Tsuyoshis Vater, mit dem ich die ersten Geschäfte gemacht habe. Rechts Tsuyoshi Kawakami mit einem Gesamtsieger-Pokal der Präfekturschau Niigata.
Harald Bachmann und Tsuyoshi Kawakami lachen gemeinsam
Tsuyoshi und ich, 2013. Foto: Johann Leurs.

Einmal stand ich in Japan hinter zwei Koi-Händlern, ich glaube, es waren Engländer, und hörte unfreiwillig mit, wie sie sich über Tsuyoshi unterhielten. „Den siehst du nie lachen“, sagte der eine, „der ist immer so mürrisch.“

Darauf der andere: „Es sei denn, der große Deutsche ist dabei.“

Ich musste schmunzeln. Es ist eines der schönsten Komplimente, die ich in all meinen Jahren in Japan gehört habe.

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Die erste Wahl vom Lastwagen

Um 2005 habe ich zum ersten Mal geholfen, die Teiche von Torazo abzuernten. Torazo erntet als einer der ersten Züchter in Niigata. Damals begann die Ernte am 4. oder 5. Oktober und war um den 15. abgeschlossen. Nisai, Sansai, Yonsai und ältere Tiere, alles wurde hereingeholt, und es hat immer sehr viel Spaß gemacht.

Morgens früh fuhr ich mit Tsuyoshi hinaus an den Teich. Wir zogen das Schleppnetz durch den Teich, holten die Fische aus dem Netz in Plastiktüten, trugen sie hinauf zum Lastwagen und setzten sie dort ein. Dann holten wir das Netz ein, machten es sauber, luden es wieder auf und fuhren mit den Fischen und der ganzen Ausrüstung zurück zur Farm, wo die Koi in die Betonbecken kamen.

An diesen Becken warteten schon die Händler aus aller Welt. Weil ich über Stunden mitgearbeitet hatte und von Anfang an dabei war, hatte ich das Privileg, als Erster zu sagen: die und die und die Fische hätte ich gern für meinen eigenen Laden. Ich konnte meine Auswahl vor jedem anderen weltweit treffen.

Das Schleppnetz wird zusammengezogen, Koi im flachen Wasser
Torazo, 2012: Das Schleppnetz wird zusammengezogen.

Heute wird die Reihenfolge beim Aussuchen auf vielen Farmen verlost oder ausgespielt. Jeder Händler darf einen Fisch nehmen, dann ist der Nächste dran, Runde um Runde. Für ein, zwei Fische vergeht so ein ganzer Tag. Es gibt Händler, die das mitmachen, aber für mich ist das überhaupt nichts.

Ein großer Koi schlägt mit der Schwanzflosse in der Wanne
Torazo, 2012.
1917

Seit diesem Jahr züchtet Torazo in Urakawa.

3 Tage

So lange dauerte früher die Bahnfahrt nach Kyushu, im Holzkasten und ohne Sauerstoff.

9 von 10

Fast so viele Nishikigoi gehen heute ins Ausland.

Ein Hotel für Koi und für Händler

Heute gehen fast neun von zehn Nishikigoi ins Ausland. Als Tsuyoshi ein Kind war, sechs oder zehn Jahre alt, blieben alle im Land, erzählte er uns. Die Kunden waren Händler aus Shikoku, Kyushu und Hiroshima. Sie fuhren jeden Morgen in die Dörfer der Gegend, kauften Fische und setzten sie in die Außenbecken der Familie Kawakami.

Bis zu fünfundzwanzig Händler wohnten gleichzeitig im Haus. Tsuyoshis Mutter und ein paar Helfer kochten Frühstück und Abendessen, Misosuppe, Reis, etwas Fisch, und nach dem Essen wurde um viel Geld Karten gespielt. „Wie ein Hotel, ein Koi-Hotel“, sagte Tsuyoshi. „Verrückt, wirklich verrückt.“

Drei Tage im Holzkasten

Plastikbeutel und Sauerstoff gab es damals nicht. Die Fische reisten in Holzkästen mit Wasser, mit der Bahn, und bis Kyushu dauerte das drei Tage. Wer mitfuhr, schüttelte unterwegs das Wasser, damit Luft hineinkam. Viele Tiere überlebten die Fahrt nicht. Die übrigen waren zäh, kleiner, schlanker und kräftiger als die Koi von heute. „Kein Sauerstoff“, sagte Tsuyoshi, „und trotzdem lebten sie zwei, drei Tage in einer kleinen Holzkiste.“

Die ersten aus Europa

Erst später kamen Käufer aus dem Ausland. Einer der ersten europäischen Koi-Händler war Peter Waddington. Er und ich hatten denselben Agenten, Herrn Takahashi aus Chiba, einen der bekanntesten Händler seiner Zeit. Über ihn kamen viele Kunden zu Torazo, und auch ich war bei meinem ersten Besuch mit ihm dort.

Warum ausgerechnet hier

Harry wollte wissen, woher das alles kommt. „Wegen des vielen Schnees“, sagte Tsuyoshi. In den Bergen von Niigata liegt mehr Schnee als fast überall in Japan. Karpfen waren ein Eiweißvorrat für die langen Monate, gehalten in Holzkästen in Quellwasser, oft direkt unter dem Haus. Fiel ein Tier auf, mit roten Flossen, roten Wangen, irgendwie anders als die anderen, behielt man es und vermehrte es im nächsten Jahr weiter. Aus diesen Auffälligkeiten wurde über Generationen eine Zucht.

Auch ein deutsches Kapitel gehört dazu. 1910 ließ der Hafenvorstand von Tokio die ersten deutschen Spiegelkarpfen einführen. Daher heißen schuppenlose Koi bis heute Doitsu. Sie wuchsen deutlich schneller als die japanischen Karpfen.

Tsuyoshi Kawakami mit dem Buch seines Großvaters
Tsuyoshi Kawakami mit dem Buch seines Großvaters.

Das Buch des Großvaters

Dann holte Tsuyoshi ein Buch hervor. Es ist über hundert Jahre alt und stammt von seinem Großvater Torakichi. Fotografieren konnte damals niemand, also blieb nur die Zeichnung als Erinnerung. Die Umrisse und die Schuppen druckte Torakichi mit einem selbst geschnitzten Stempel auf jede Seite, dann malte er die Fische von Hand aus. Sie zeigen den Koi mit dem Kopf nach oben, nicht nach unten, wie man ihn heute fotografiert.

Auf den Seiten fällt auf, dass die Fische schlanker waren als heute. Zeichnungen, wie wir sie aus unseren Becken kennen, sind aber schon zu erkennen: rot-weiße, dreifarbige und fast schwarze Tiere, eines mit einem einzigen gelben Fleck. Den nannte Tsuyoshi beim Blättern eine echte Seltenheit.










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Wer macht weiter?

Diese Frage stellt sich in Niigata genauso wie bei uns in Mecklenburg. Rund hundert Züchter gibt es in der Region, Hobbybetriebe eingerechnet. Echte Profibetriebe, Mitglieder der Shinkokai, sind es zwanzig bis fünfundzwanzig, und jedes Jahr werden es ein paar weniger. Kleine Farmen können nicht investieren, und die Kunden wollen eine Marke. Bei Torazo ist die Frage beantwortet: Tsuyoshis erstgeborene Tochter Yuki und ihr Mann Homare arbeiten seit sieben Jahren mit und führen die Farm heute weiter. Yukis Name wird mit demselben Zeichen geschrieben wie der Schnee, dem die Koi-Zucht in Niigata ihren Anfang verdankt.

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Ohne zweite Farm keine Linie

Im Gespräch habe ich Harry erklärt, warum keine Farm für sich allein bestehen kann, auch die großen nicht. Wer bei einer Varietät führt, braucht eine zweite Farm im Wettbewerb, mit der er Elterntiere tauscht, um neue Anlagen in die eigene Linie zu bringen. Entscheidend ist der Zeitpunkt: zu erkennen, wann die andere Farm einen Fisch hervorgebracht hat, der die eigene Linie weiterbringt, und ihn dann auch kaufen zu können. Es ist immer Versuch und Irrtum.

„Man braucht immer den Einfluss einer zweiten oder dritten Farm.“

Harald Bachmann
Unterwegs nach Hiroshima
Unterwegs auf der Reise nach Hiroshima.

Unterwegs mit Tsuyoshi

Mit Tsuyoshi bin ich auch durch Japan gereist, nach Tokio und nach Hiroshima. In Hiroshima waren wir auf Selektionsreise bei privaten Liebhabern. Sie hatten sehr große Tiere berühmter Farmen wie Dainichi oder Sakai großgezogen und gaben sie gern als Elterntiere an Züchter weiter, um später vielleicht Zugriff auf deren Nachzucht zu haben. Mit Fischen von solchen Reisen hat Tsuyoshi in den Jahren danach gezüchtet.

Wie unkompliziert das in Japan geht, fasziniert mich bis heute. Am Flughafen zieht man am Automaten eine Karte für die nächste Maschine, steigt ein, landet, nimmt einen Mietwagen und fährt zum Züchter oder Liebhaber. Wird man sich einig, kommt der Fisch gleich in den Frachtkarton und fliegt abends in derselben Maschine mit zurück nach Tokio. Mit dem Auto geht es weiter nach Niigata, und der Fisch kommt auf der eigenen Farm in Quarantäne.

Mit der Bahn von Halt zu Halt.
Im Wagen zum nächsten Besuch.

Tsuyoshi Kawakami beim Liebhaber in Hiroshima.
Große Tiere berühmter Farmen, gehalten als Elterntiere.

Über den Tellerrand

Auf derselben Reise haben Harry und ich die größte Forellenanlage besucht, die Japan derzeit an Land baut. Davon erzählt der nächste Beitrag.

Harald Bachmann hinten auf dem kleinen Lastwagen von Torazo, mit Kescher, von hinten
Und weiter geht’s: hinten auf dem Torazo-Lastwagen, Oktober 2013.