„Wer bist denn du überhaupt?“
Zur Dainichi Koi Farm kam ich nicht als Kunde, sondern als Erntehelfer. Aus zwei Wochen wurden viele Jahre.
Hirata, der damalige Vorarbeiter von Dainichi.
Ein junger Holländer
Bei Dainichi arbeitete damals ein sehr junger Europäer: Bram. Er studierte in Wageningen Aquakultur und verbrachte sein neunmonatiges Praktikum auf der Farm. In seiner letzten Woche lernten wir uns besser kennen, und er fragte mich, ob ich ihn ein wenig durch die Gegend fahren könne.
Ich hatte einen japanischen Führerschein und gerade Zeit. Jahrelang habe ich deutsche Händler auf ihren Einkaufsreisen durch Japan begleitet, als Fahrer und Dolmetscher, von Züchter zu Züchter, bis zur Fracht und zur Ausgabe der Koi-Boxen am Frankfurter Flughafen. Die nächste dieser Reisen begann erst in vierzehn Tagen. Also sind wir am Wochenende losgefahren. Ich habe Bram auch andere Züchter gezeigt, und wir haben dort beim Abernten mitgeholfen. Kleinere Züchter wissen das vielleicht noch mehr zu schätzen als die ganz großen Betriebe.
Danach fragte Bram: Am Montag ernte er zusammen mit Hirata, dem Vorarbeiter, einen großen Teich mit großen Kohaku ab. Ob ich Lust hätte zu helfen. Klar, logisch.



Mit dem Schleppnetz und mit großen Fischen umzugehen, kannte ich von Torazo, die Abläufe waren mir vertraut. Es hat super funktioniert. Am nächsten Tag war ich wieder dabei, am übernächsten auch. Dann endete Brams Praktikum, aber ich blieb: jeden Morgen hinüber zu Dainichi, von Hirata eingeteilt, auf den Lastwagen, an den Teichen. Mit den Angestellten habe ich mich dabei angefreundet.
Aus Brams letzter Praktikumswoche ist eine Freundschaft geworden. Er ist bis heute einer meiner besten Freunde, und mit kaum jemandem tausche ich mich so gern aus. Heute ist er Produktionsleiter bei Kingfish Zeeland in den Niederlanden.

Nach vierzehn Tagen
Nach diesen vierzehn Tagen standen Shigeru und Futoshi Mano vor mir: „Wer bist denn du überhaupt? Und wie kommst du dazu, uns da jeden Tag zu helfen? Das machst du super und gut. Pass auf, wir geben dir jetzt was dafür.“ Ich bekam einen zweijährigen Fisch geschenkt, einen Nisai.
Und eine Einladung: Wenn ich im nächsten Jahr wieder Zeit hätte, die Ernte beginne am 15. Oktober, ob ich dann sechs Wochen mitmachen würde. Genau so habe ich es gemacht, und danach jahrelang. Ich habe versucht, mich immer mehr unentbehrlich zu machen, und das hat funktioniert. Darüber ist die Beziehung entstanden.
In dieser Zeit wurden bei Dainichi die Teiche abgeerntet.
So lange sollte ich im zweiten Jahr mithelfen, und so habe ich es danach jahrelang gemacht.

Wenn der Speisesaal zum Schlafsaal wird
Um halb sechs ging es hinaus an die Teiche, danach gemeinsam ins Wohnhaus zum Frühstück, wieder hinaus, mittags zurück zum Essen. Nach dem Mittagessen gab es eine Stunde Pause, und der ganze Speisesaal wurde zum Schlafsaal. Die Japaner legten sich auf den Boden, ich mit ihnen, manchmal neben Shigeru, zwischen den Mitarbeitern.
Das ist schon ein extremes Gefühl von Nähe und Vertrautheit.
„Da wird man dann zum Mitglied.“
In den folgenden Jahren hatte ich ein eigenes Zimmer in der Unterkunft der Angestellten, das ich beziehen konnte, wann immer ich in Japan war, und meist auch ein Auto. Jungen Praktikanten, die bei uns ihr Praktikum machten, habe ich beim Ankommen geholfen: eine Wohnung suchen, wissen, wo man einkauft, wie man sich in Japan verhält. Das war eine super Zeit, unterbrochen erst durch Corona.

Das Wohnhaus, das es nicht mehr gibt
Meine Bilder aus dieser Zeit zeigen ein Dainichi, das man so nicht mehr besuchen kann. Die große Glashalle von damals steht bis heute, das Wohnhaus nicht. Nach dem Chūetsu-Erdbeben von 2004 zog eine Regierungskommission durch die Bergregion um Yamakoshi und bewertete die beschädigten Häuser: Reicht die Statik noch, funktioniert noch alles, welches Haus muss abgerissen werden und welches nicht?
Dort stehen viele sehr alte, viel einfacher gebaute Holzhäuser. Etliche von ihnen haben das Beben überstanden oder durften stehen bleiben. Das Wohnhaus der Familie Mano in Iwamaki dagegen war ein außergewöhnlich hochwertiges Haus, fast ein kleines Schloss.
Dieses Haus war ein Statement. Mit seinen gestaffelten Dachebenen und den tragenden Balken, Lage über Lage übereinandergeschichtet, sagte es jedem, der davorstand: Hier wohnt die Nummer eins. Wir gewinnen die großen Schauen der Shinkokai, wir haben die besten Fische, an uns kommt keiner vorbei. Und natürlich zeigte es auch den wirtschaftlichen Erfolg.
Genau dieses Haus bekam nach dem Beben den Aufkleber für den Abriss. Entscheidend war wohl die Nähe zum Bachbett, das hinter dem Haus verläuft.
Ich habe das Haus nach dem Erdbeben gesehen, und auf mich machte es einen völlig intakten Eindruck. Die hölzernen Schiebetüren, die sich als Erstes hätten verziehen müssen, ließen sich gut auf- und zuschieben, und auch die Rahmen und das Haus selbst wirkten auf mich nicht verzogen. Das schwere Betonfundament, auf dem das Haus stand, steht bis heute. Ich glaube bis heute nicht, dass das Haus abgerissen werden musste. Ein Haus, wie es in der ganzen Gegend kein zweites gab, wird eben nicht von allen nur bewundert. Aber das ist meine Sicht von außen.





Mit Dainichi nach Thailand
Zu Dainichi gab es schon vorher eine Verbindung, über einen sehr alten Kontakt: Takehiro Furuya, der mich auf meiner allerersten Japanreise als Neunzehnjähriger gefahren hatte. Jahre später traf ich ihn bei Dainichi wieder, als Agenten für thailändische Liebhaber und Händler. In Thailand kannte man meinen Namen, denn meine Bücher aus dem Koi Concept Verlag waren ins Englische übersetzt worden. „Du gibst ein paar Autogramme und schreibst dich in die Bücher ein, die kennen dich“, sagte Furuya. Also flogen wir 2010 nach Bangkok, die ersten Tage mit Shigeru Mano.
Am Flughafen wartete ein Mann mit einem Schild mit meinem Namen, draußen eine Limousine mit Chauffeur. Wir setzten uns beide auf die Rückbank, er reichte Getränke und erzählte: Er sei der asiatische Brad Pitt, seine Frau die asiatische Angelina Jolie. Ich habe mitgelacht und mir gedacht, lass dir da mal was erzählen. Bis an einer Ampel ein großer Gelenkbus kam, beklebt mit dem Plakat eines Kinofilms, und darauf war sein Gesicht. Ich schaute auf den Bus, auf ihn, auf das Plakat, auf ihn: Der hatte mich überhaupt nicht auf den Arm genommen. Es war der Schauspieler Willie McIntosh.

Die Reise führte zu thailändischen Liebhabern auf höchstem Niveau: zu Tepsit Rojratanadumrong auf die Smile Koi Farm und zu Nuttawut Phowborom, der in Bangkok eine riesige Koi-Farm aufgebaut hat. Er ist Chairman der Siam Koi Co., Ltd. und von der Shinkokai zertifizierter Preisrichter.



Zurück in Japan wollte Takehiro, dass ich den Vertrieb für Europa übernehme. Damals sind wir uns noch nicht einig geworden.

All Japan Nishikigoi Show 2019
Die Jubiläumsschau der Zen Nihon Nishikigoi Shinkokai. Ich war einer von drei Preisrichtern aus Europa.
Links: die Ehrentafel der Shinkokai für meine Arbeit als Preisrichter.
Zwei Bürgen
Wer Mitglied der Shinkokai werden will, braucht zwei Bürgen. Meine waren Dainichi und Torazo. Zur 50. All Japan Nishikigoi Show 2019 habe ich zum ersten Mal gesagt, dass ich gern Preisrichter wäre. Bei dieser Jubiläumsschau wollte jedes Mitglied der Shinkokai weltweit Preisrichter sein. Berufen wurde ich trotzdem im ersten Anlauf, ohne Wenn und Aber.
Seit 2011 sind wir eng mit Dainichi verbunden. 2018 entstand mit Unterstützung aus Japan Dainichi Europe. Die Jungfische, die heute bei uns heranwachsen, wähle ich in Japan aus, zusammen mit Shigeru Mano.